Dieser 17. So. n. Trinitatis ist überschrieben mit dem Titel einer Lutherpredigt von 1520: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“.

Luther beginnt nun seine Predigt an den weisen Herrn Hieronymo Mühlpfordt, Stadtvogt zu Zwickau. Er entfaltet das Thema und er stellt zwei gegensätzliche Bibelstellen vor. Darauf hin folgen 30 Punkte seiner Predigt von ca. 11 A 4 Seiten, die, wenn sie ausdrucksreich gelesen wird, etwa 90 Minuten dauern würde.

Zum ersten sagt er: Dass wir gründlich mögen erkennen, was ein Christenmensch sei und wie es getan sei um die Freiheit, die ihm Christus erworben und gegeben hat, davon St. Paulus viel schreibt, will ich setzen diese zwei Beschlüsse:
Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.

Bei Christus selbst erkennen wir diese beiden Bewegungen auch hier im Evangelium. Unsere heutige Geschichte führt uns in das Haus eines Oberpharisäers. Es scheint so zu sein, dass der Sabbatgottesdienst, der mit Sonnenuntergang begann, zwischen 17-18 Uhr schon zu Ende ist. Danach trifft man sich zum Essen, hier ausgedrückt mit: Das Brot zu essen. Ob dies auch schon ein Hinweise im Evangelium war, dass die Christen dann später zusammenkamen, um am Auferstehungstag Christi das Gedächtnisbrot, Christus zu essen, an seinem Mahl und seinem Leib Anteil zu haben?
Bei diesem Essenstreffen gibt es zwei Abschnitte. Der erste Teil beschäftigt sich damit, dass die Gäste kommen, vielleicht noch stehen. Dann der Teil, wo sie sich schließlich setzen und nach und jeweiliger Rangordnung das Essen bald beginnt.
Auch hier ist dies der Fall.

1. Die Gäste kommen – und Jesu freie Predigt an die noch Stehenden.
Wir wissen nicht, warum Jesus eingeladen wurde, ob man ihn ehren, aushorchen oder ihm eine Falle stellen wollte. Doch er geht hin und macht sich zum Knecht aller. Knecht ist er. Da mitten im Stehen und warten taucht plötzlich einer auftaucht, der scheinbar nicht eingeladen war. Denn dieser geht bald wieder, bleibt nicht beim Essen, bzw. Jesus lässt ihn gehen oder schickte ihn weg. Dieser durchaus nicht ebenbürtige und ehrenwerter Mensch, steht da zwischen den anderen und Jesus erkennt, dass er ein Problem hat, dass sein ganzes Sein betrifft. Es sieht blass aus, ihm fehlt die Farbe, ist er krank? Nun, was er hat, ist die Wassersucht oder ganz einfach, bei ihm staut sich Wasser im Körper. Das gibt es auch heute noch bei vielen Menschen. Die Ursache kann vielfältig sein. Aber meist hat es mit dem Herz zu tun, dass nicht recht arbeitet, mit der Niere oder anderer Organen.
Das Brockhaus Lexikon erklärt: Wassersucht (Hydrops), ist eine krankhafte Ansammlung von wasserähnlicher Flüssigkeit in den Geweben oder Höhlen des lebenden Körpers, Symptom chronischer Nieren-, Herz- und Lungenkrankheiten.
Nun was hat Jesus mit solchen einem Gast zu tun? Er hätte ja wegschauen, vorbeigehen oder sich setzen können, um endlich Ruhe nach dem Sabbatgottesdienst am Ende der Woche zu haben. Doch Jesus ist nicht so. Er zeigt seine Nächstenliebe und will seinen Dienst diesem bedürftigen Menschen anbieten. Von nun an ist er wieder einmal nicht sich selbst gehörig, sondern einem anderen. Seine eigene Bedeutung unter den Oberrabbinern und Oberschriftgelehrt ist nicht wichtig. Sein Platz, vielleicht in Ehren schon vorbereitet in der Nähe des Gastgebers, den muss er nicht einnehmen. Alles und alle Handlungen ordnet er aus Liebe zum Kranken, der Herz- oder Nierenleidend ist, ihm zu helfen unter. Erkennen wir: Christus ist frei von allen Erwartungen des Gastgebers und den anwesenden studierten Menschen, frei von den Erwartungszwängen und frei gegenüber seinen eigenen Wünschen. Warum? Wir werden es gleich hören. Stellen wir fest: Er hat sich zum Diener des einen Kranken gemacht, der plötzlich oder geplant kurzfristig von draußen hereinkommt. Und Christus ist frei von allen Sach-, Personen und Traditionszwängen.
Nun antwortete er denen, die noch alle stehen und ihn belauern. Vielleicht war auch dieser Auftritt des Kranken geplant, um Christus öffentlich eine Falle zu stellen. Aber auch gegenüber der Hinterlist der Menschen ist Christus frei. Er vertraut allein auf Gottes Wort und steht im Vertrauen zu seinem Vater. Nichts kann ihn hier anhaben.
Er ist so frei, dass er sogar eine kurze Predigt beginnt, oder besser gesagt eine Antwort und Argument auf die Situation: Nein, er hält nicht den Mund. Wahre Freiheit handelt, auch wenn sie anstößig wirkt oder auch verletzt. Wahre Liebe muss in Freiheit handelt. Und so sagt er:
Ist’s erlaubt, am Sabbat zu heilen oder nicht? Sie aber schwiegen still.
Jesus wusste, dass die Pharisäer traditionell die Schrift gut auslegten. Denn für sie galt: Wenn am Sabbat ein Ochs oder Esel in den Brunnen oder in ein Loch fällt, dann dürfen sie diese herausholen. Auch dass sie am Ruhetag das Vieh nicht verdursten lassen würde, sondern tränken dürften. Dagegen sagte die Qumram-Gemeinschaft, die Essener: Lasst nicht zu, dass einem Tier geholfen wird, dass am Sabbat gebiert, und wenn eins am Sabbat in ein Loch fällt, lasst es nicht zu dass es an diesem Tag herausgeholt wird. (CD 11.13-14)
Jesus wartet kurz, ob ihm jemand antwortet. Aber sie schwiegen alle. Damit erkennen sie Jesus als Autorität an, ansonsten hätten Schriftgelehrt noch stundenlang weiter debattiert.
Jesus handelt aber in Freiheit der Tradition und der väterlichen Schriftauslegung, vor Gott und vor Menschen. Er fasst den Kranken an, ob mit Gebet oder ohne: Aber er heilt ihn von seinem Herz – oder Nierenleiden, sodass die Schwellungen und das Wasser in den Füßen, Beinen oder Armen weggeht. Welch eine herrliche Freiheit zu solchem Handeln!
Worauf gründet sie sich?
Schauen wir nach. Jesus antwortet: Würdet ihr nicht eure Kuh am Ruhetag aus dem Wasserloch ziehen? Natürlich! Und er fügt noch etwas Persönlicheres hinzu: Würdet ihr nicht euren eigen Sohn aus dem Brunnen ziehen? Natürlich!
Jesu gründet sich hier einmal auf das, was der normale Menschenverstand tun würde. Auch der weiß, dass er in Not jedem helfen sollte, dem Vieh oder dem Sohn des Nachbarn.
Doch Jesu Entscheidung gründet sich auf mehr als nur auf einen gesunden helfenden Menschenverstand. Jesus Freiheit zu helfen, gründet sich auf die Sendung des Vaters und auf die Heilige Schrift:

Heißt es nicht in 2 Mo 22,1ff Wenn du dem Rind oder Esel deines Feindes begegnest, die sich verirrt haben, so sollst du sie ihm wieder zuführen. 2 Wenn du deines Bruders Rind oder Schaf irregehen siehst, so sollst du dich ihrer annehmen und sie wieder zu deinem Bruder führen.
3 So sollst du tun mit seinem Esel, mit seinem Kleid und mit allem Verlorenen, das dein Bruder verliert und du findest; du darfst dich dem nicht entziehen.
4 Wenn du deines Bruders Esel oder Rind unterwegs fallen siehst, so sollst du dich ihrer annehmen und ihnen aufhelfe.

Jesu Freiheit zum Handeln gründet sich hier auf diese Schrift, die sogar sagt, das man der niedrigen Schöpfung seine Hilfe nicht versagen darf. Heißt es nicht auch bei Paulus, „Dies ist nicht geschrieben um des Ochsen willen, sondern um euretwillen?“ Jesus handelt hier eindeutig und klar, weil er ganz in der Schrift verwurzelt ist, auch diese nicht verbiegt oder macht, was er will – gegen die Schrift und bestehende Obrigkeiten, sondern er will sie auf den jeweiligen Fall, den Menschen, der in Not ist, anwenden.
Und, stand in diesem Falle in 5. Mo 23 etwas davon, dass man am Sabbat nicht dem Esel oder das Rind seines Feines oder Bruders helfen sollte? Nein. Davon stand nichts. Deshalb, wie viel mehr ist der Mensch, wie viel notwendiger ist es der höheren Schöpfung, dem Herz- und Nierenkranken zu helfen? Viel mehr!
Was war die Antwort der anwesenden, noch stehenden Gelehrtenrunde? Es kam nichts, keine Antwort.
Damit hat Jesus die Freiheit eines Christenmenschen gezeigt, das er frei von der Tradition und Gelehrtenweisheit und Umgangssitten ist, frei von Erwartungen der anderen, aber dass er sich zum Diener einer einzigen bedürftigen Person gemacht hat. Er hatte sich frei von eigenem Vorhaben und Wünschen gemacht und ihm geholfen, gesund zu werden.

2. Das Setzen am Tisch – und Jesu freie Predigt zu den Gästen
Als sie sich nun setzen wollten, bemerkte Jesus an ihrem Benehmen und vielleicht Drücken und Drängeln, dass es ihnen darum ging, die besten und geehrtesten Plätze zu bekommen.
Auch hier beweist er seinen Mut, seine Evangelische Freiheit. Er gebraucht ein Gleichnis von einer Hochzeitsfeier. Ist es nicht so, dass heute meist Platzkarten verteilt werden und neben dem Brautpaar vor Kopf aller anderen Gäste die Trauzeugen, die nächste Freundin, Freund und die Eltern des Paares sitzen. Es wäre doch unverschämt, sich einfach dort hinzusetzen.

Eigentlich wäre es nicht Jesu Auftrag, sondern des Gastgebers selbst, sich um diese gesellschaftliche Ordnung und die Ehrenplätze zu kümmern. Doch auch hier ist Jesus ganz frei. Er will weder den einen beleidigen, noch in ein anderes Amt greifen.
Auch hier erwähnt er zuerst den normalen Menschenverstand wie: In einer Gesellschaft setzt man sich zuerst an die normalen freien Plätze, und erst, wenn der Gastgeber sagt: Setze dich zu mir, dann geh. Damit wirst du öffentlich geehrt. Ansonsten schickt er dich weg, öffentlich verweist der dich dann auf die niedrigen Plätze. Welch eine Scham!
An dem aber, was er noch am Ende hinzufügt, erkennen wir, worauf Jesus seinen Rat zum Handeln stützt. Ist dies nicht ein durchgängiges Prinzip der Schrift:
Wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden.

Jesus, in seiner Freiheit zu unterweisen, gründet sich auch hier wiederum auf die Schrift:
Spr. 23,6+7 Prange nicht vor dem Könige und stelle dich nicht zu den Großen; denn es ist besser, dass man zu dir sage: Tritt hier herauf!, als dass du erniedrigt wirst vor einem Edlen, den deine Augen gesehen haben.

Erkennen wir, wie sich Jesus hier zum Diener aller macht? Und er weiß, dass er dabei auch beleidigt werden könnte. Doch er handelt in Evangelischer Freiheit, um auf die Überhebung des sündigen Herzen der Anwesenden hinzuweisen. Auch derjenige bekommt noch eine Mahnung, der noch weitere Menschen aus niedriger sozialer Schicht, wie den Wassersüchtigen, hätte einladen können. Denn solche Menschen können nicht wiederum einladen oder es mit einem Dankesmahl vergelten.
Nutzen wir so unsere christliche Freiheit wie Jesus? Amen.

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